Wie Gesellschaften lernen

In Krisenzeiten stellen wir uns die Frage, was wir daraus lernen. Bei den Massnahmen zum Schutz vor Ansteckung mit Covid-19 richtet sich das Augenmerk insbesondere auf den zwischenmenschlichen Umgang wie Abstandhalten beim Anstehen oder Begrüssungsrituale. 

Sind jedoch Gesellschaften überhaupt in der Lage zu lernen als Gemeinschaft und nicht als Ansammlung einzelner Individuen? Die Wissenschaft hat noch keine abschliessende Antwort darauf. Das Wissen ist in ausreichendem Mass vorhanden und auch der Zugang zum Wissen ist für uns zumindest in der westlichen Welt viel einfacher geworden. Durch die Digitalisierung und die weltweite Vernetzung ist der Austausch vereinfacht und gleichzeitig jedoch auch komplexer geworden.

Lernprozesse werden in den Betrachtungen als Prozesse hin zu einer «besseren» Gesellschaft verstanden, im Sinne des Fortschritts, der Demokratie, der Erhaltung der Grundrechte des Individuums und nicht in Richtung, dass Minderheiten Mehrheiten dominieren. Wenn Gesellschaften lernen und sich entwickeln, soll es zum Wohle aller sein. Das bedeutet, dass nicht gewisse Gruppen ausgeschlossen werden sollen, sondern das Ziel ist Integration.

Das Mittel für den Lernprozess ist die Kommunikation. Über die Kommunikation wird es möglich, einen Konsens zu schaffen. Die soziale Interaktion scheint die zentrale Komponente zu sein. Niko Paech, Professor für Plurale Ökonomie Universität Siegen sagte in einem Interview, dass «der Mensch am ehesten in der Lage ist, etwas zu verändern, wenn er diese Veränderung bei anderen schon erkennt […] und dieser Veränderung einen positiven Sinn zuweisen kann.» Das heisst aber auch, dass die Veränderungen in Nischen (von unten) angestossen werden. Die Politik bzw. die Regierungen hat nicht die Rolle des «Lehrers». Die Aufgabe der Regierung ist, den öffentlichen Diskurs zu ermöglichen und dann allenfalls neue «Normen» zu institutionalisieren und legitimieren. Nach Jean Piaget (Entwicklungspsychologe, 1896-1980) ändern wir unsere Denkmuster und dann auch unser Verhalten durch Assimilation (neue Erfahrungen in ein vorhandenes kognitives Schema einordnen) und Akkommodation (Sichtweisen durch Erfahrungen erweitern). Das heisst, auf Ebene der Gesellschaft braucht es schliesslich gesetzliche Anpassungen, um das Lernen zu stabilisieren.

Wir können also gespannt sein, was wir aus dieser Krise langfristig mitnehmen. Sicher ist, dass wir in einem Prozess stecken und es Zeit braucht für die Kommunikation, um schliesslich zum gesellschaftlichen Konsens zu gelangen.

Ausführliche Artikel zum Thema in der Ausgabe n°1 2020 der Education Permanente SVEB FSEA

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