Freiheit

2012 in Südafrika 

Mit Freunden diskutiere ich den Begriff «Freiheit». Die Debatte verläuft entlang bekannter Klischees aus dem Alltag: Wieso sagt mir der Schweizer Hauswart, dass meine Schuhe nicht ins Treppenhaus gehören? Weshalb wird in Südafrika jeder Teich abgesperrt, als gäbe es täglich Badeunfälle? Warum ruft die Schweizer Nachbarin die Polizei an, wenn meine Kinder laut spielen? Wo darf ich über das südafrikanische Land wandern, ohne vom Besitzer vertrieben zu werden? 

Die Beispiele verdeutlichen die Unterschiede in der Rechtsprechung: im südafrikanischen Rechtssystem werden die individuellen Rechte generell höher bewertet als in der Schweiz, wo der Schutz von Gemeingütern wie Wasser, Land, Boden oder Luft stark vertreten ist. Aber vielleicht noch interessanter sind die unterschiedlichen Erwartungen an die Gesellschaft und den Staat. Die englische Sprache kennt zwei Worte für die deutsche Freiheit: liberty und freedom.   

Liberty und Freedom  

Freiheitsstatue in New York

“Liberty” kommt vom lateinischen Wort “libertas”, was so viel bedeutet wie unbegrenzt» und «von Zwängen befreit”. Libertas beinhaltet die Idee, getrennt und unabhängig zu sein. Das englische Wort «freedom» geht auf das nordische Wort «frei» zurück und beschreibt jemanden, der zu einem Stamm gehört und die damit verbundenen Rechte und den Schutz genießt. Neben dem Wort «Freiheit» wird die Wurzel «frei» zum englischen Wort «friend». Freiheit zu haben bedeutet, unbelastet zu sein. Freiheit bedeutet auch, die Vorteile und den Schutz der Gesellschaft zu genießen. Als BürgerInnen geben wir einen Teil unserer «liberty» im Austausch gegen «freedom» auf. In der Schweiz sorgt der Staat zum Beispiel für Medizin, Bildung und Rechtsstaatlichkeit, die unserer Freiheit dienen.  

2021 in der Schweiz 

Mit Freunden diskutiere ich die Covid-Zertifikate. Die Debatte wird polemisch und emotional geführt, mit einer Härte, die neu und unerwartet für alle ist. Bedeutet «freedom», sich impfen zu lassen, auch wenn man sich ungefährdet fühlt? Oder gilt es die «liberty», sich nicht impfen zu lassen, auch angesichts überlasteter Intensivstationen zu schützen? Sind gratis-Tests ein Zeichen von «freedom» oder eine Bedingung für «liberty»? Und wenn ich mit meinen Freunden und Verwandten nicht einig bin – wer gehört dann noch zu meinem Stamm, wer sind meine «friends»?  

Wer «liberty» erwartet und dafür «freedom» erhält (und umgekehrt), fühlt sich nicht frei. Mit Zwang wird «freedom» nicht erreicht – ohne Solidarität schwindet auch die persönliche «liberty». Dies trifft bei der Gesundheit ebenso zu wie beim Klima- und Biodiversitätsschutz. Nur wenn wir bereit sind, freiwillig auf «liberties» zu verzichten, finden wir gemeinsam «freedom». Nur wenn unterschiedliche Ansichten unseren Stamm bereichern, bleibt uns die «liberty» erhalten. 

Vielfalt und Gelassenheit 

Offenheit in der Gemeinschaft

Der Umgang mit Covid fordert unsere Gemeinschaften heraus – ebenso wie die Folgen von Klimawandel und Biodiversitätsverlust. Vielfältige Meinungen zum Umgang mit diesen Herausforderungen werden laut – nur mit Gelassenheit können wir ihnen begegnen und Ich-Bezogenheit entlarven. Wir brauchen die Offenheit, eigene Bedürfnisse mit Abstand und aus anderer Perspektive zu betrachten. Und diese Offenheit übt sich am besten mit unseren Freunden und Verwandten – gerade wenn sie anderer Meinung sind. Tragen wir Sorge zueinander – nur so sind wir frei. 

Begrüssen Sie Veränderungen im Einzelnen oder als Gemeinschaft

1 Reply to “Freiheit”

  1. quelle surprise…. 😉
    die schlussfolgerungen dünken mich logisch, auch ohne den unterschied zw. “liberty” und “freedom” kennen zu müssen.
    gelassenheit ist wohl eine der wichtigeren tugenden, die wir zukünftig benötigen werden. und damit meine ich v.a. gelassenheit in der art und weise des eigenen seins (tönt leicht esoterisch, ist aber nicht so gemeint): klar in der haltung, begründet mit fakten, aber gelassen in der diskussion/im alltag/im umgang mit anderen.

    faktisch sagst du ja nichts anderes, dünkt es mich: anderer meinung zu sein ist kein grund, nicht befreundet zu sein, wenn der umgang miteinander von anstand und respekt geprägt ist. und genau hierfür braucht es eben die gelassenheit.
    fehlt der respekt, fehlt der anstand, dann fehlt auch die basis für den umgang. neben all den grossen sozialen und ökologischen problemen unserer zeit, welche corona in zukunft wohl als klein und banal erscheinen lassen werden, ist das eines unserer westlichen probleme: wie wir miteinander umgehen: schwarz – weiss, dafür – dagegen, dabei – aussen vor, etc.
    keine akzeptanz für zwischentöne; keine gelassenheit, unklarheiten auszuhalten und mit diesen zu leben.

    bin ich auch ständig noch am lernen…… diese zwiespäte einfach zuzulassen und gelassen zu bleiben…. 🤗

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